Der Kessel von Serab
Erzählung, für ZAPilot geschrieben
- 1In Serab, wo die Strasse aus dem Bergland in
- 2die Ebene tritt, stand die Werkstatt des
- 3Kupferschmieds Arun. Er trieb Kessel,
- 4Schalen und Kannen. Wer vom Bergland
- 5herunterkam, kaufte bei ihm, bevor er
- 6weiterzog; wer hinaufging, liess sein
- 7Geschirr bei ihm ausbessern. Die Werkstatt
- 8hatte kein Schild; wer sie suchte, ging dem
- 9Hämmern nach.
- 10Seit drei Jahren hatte Arun einen Lehrling,
- 11Kuri. Kuri konnte löten, schleifen und die
- 12Henkel setzen. Einen Kessel von Anfang bis
- 13Ende zu schlagen hatte er noch nie allein
- 14gedurft.
- 15Im Frühjahr musste Arun nach Dahan, um
- 16Kupfer einzukaufen, acht Tage hin und
- 17zurück. Der Weg führt über zwei Pässe, und
- 18auf dem oberen lag im Frühjahr noch Schnee.
- 19Bevor er ging, legte er dem Lehrling eine
- 20Scheibe Kupfer auf die Werkbank. «Einen»,
- 21sagte er. «Bis ich zurück bin.»
- 22Kuri begann am zweiten Tag. Er hämmerte die
- 23Scheibe von der Mitte nach aussen, wie er es
- 24hundertmal gesehen hatte. Die Wände wurden
- 25ihm gut. Der Boden aber wollte nicht gerade
- 26werden. Wo er ihn glattschlug, wanderte die
- 27Wölbung eine Handbreit weiter. Am fünften
- 28Tag war der Boden dünner als die Wände und
- 29wölbte sich noch immer nach innen. Zweimal
- 30wollte er die Scheibe einschmelzen und von
- 31vorn beginnen; beide Male rechnete er nach,
- 32wie viele Tage ihm blieben, und liess es. Am
- 33sechsten Tag setzte er die Henkel und
- 34stellte den Kessel ins Regal.
- 35Arun kam am achten Tag zurück, staubig, mit
- 36dem Esel und mit zwei Rollen Kupferblech. Er
- 37stellte die Rollen ab, wusch sich die Hände
- 38und ging erst dann zum Regal. Er nahm den
- 39Kessel aus dem Regal, drehte ihn im Licht
- 40und stellte ihn auf die Werkbank. Der Kessel
- 41wiegte sich einmal und blieb stehen. Arun
- 42sah ihm zu, sagte zum Boden nichts und
- 43schrieb einen Preis an den Henkel. Der Preis
- 44war der halbe.
- 45Kuri sprach drei Tage lang wenig. Am
- 46Markttag kam ein Hirte aus dem Bergland
- 47herunter, einer von denen, die den Sommer
- 48bei den Herden bleiben und im Frühjahr
- 49kaufen, was sie bis zum Herbst brauchen. Am
- 50Vormittag hoben drei Bäuerinnen Kuris Kessel
- 51an, drehten ihn und stellten ihn zurück;
- 52eine sagte, der Boden sei krumm, und sie
- 53gingen weiter zum Stand des Töpfers. Kuri
- 54hörte es vom Amboss her. Der Hirte ging die
- 55Reihe der Kessel ab und blieb bei Kuris
- 56Kessel stehen.
- 57Er hob ihn, stellte ihn auf die Dielen der
- 58Werkstatt, dann auf einen Stein vor der Tür.
- 59Er drückte mit dem Daumen auf den Rand.
- 60Nichts bewegte sich.
- 61«Den», sagte der Hirte. «Und wenn du noch
- 62solche machst, hebe sie mir auf.»
- 63Kuri sah dem Hirten nach, bis die Strasse
- 64ihn verschluckt hatte, und verstand nicht.
- 65Arun wischte die Werkbank. «Ein gerader
- 66Boden braucht einen geraden Tisch», sagte
- 67er. «Auf Steinen liegt er auf einer Kante
- 68und kippt. Der da liegt auf seinem Rand. Ein
- 69Hirte hat keinen Tisch.»
- 70Am nächsten Morgen nahm Kuri eine neue
- 71Scheibe und schlug den Boden mit Absicht
- 72nicht ganz gerade. Es gelang ihm nicht auf
- 73Anhieb.