Der Schreiber von Kandu
Erzählung, für ZAPilot geschrieben
- 1In Kandu sass Nasim am Rand des Marktes
- 2unter einem Vordach und schrieb Briefe für
- 3Leute, die es selbst nicht konnten. Sein
- 4Tisch war eine Tür auf zwei Fässern. Er nahm
- 5eine Münze für das Blatt und eine zweite,
- 6wenn der Brief weit ging. Dienstags und
- 7freitags war er da; an den übrigen Tagen
- 8half er beim Dreschen.
- 9Er schrieb, was man ihm sagte. Nicht ein
- 10Wort mehr, nicht ein Wort schöner; darauf
- 11hielt er, und im Markt wusste man es. Wer
- 12wollte, dass ein Brief schöner klinge, ging
- 13zu Feridun am anderen Ende der Reihe, der
- 14drei Münzen nahm und dafür Sätze mitbrachte,
- 15die niemand gesagt hatte. Zwischen den
- 16beiden gab es keinen Streit. Feridun sagte,
- 17ein Brief sei ein Kleid; Nasim sagte, ein
- 18Brief sei ein Krug. Beide hatten Kundschaft.
- 19Einmal setzte sich ein junger Mann zu Nasim,
- 20diktierte drei Sätze an ein Mädchen im
- 21Nachbardorf, hörte sie sich vorlesen und
- 22stand wieder auf. Er ging zu Feridun
- 23hinüber. Nasim behielt die Münze nicht.
- 24Halide kam an einem Freitag, im ersten Jahr,
- 25in dem ihr Sohn fort war. Sie setzte sich
- 26auf den Schemel, legte die Münze hin und
- 27sagte, was zu schreiben sei: dass die Ziege
- 28gelammt habe, dass das Dach über der Kammer
- 29halte, dass der Nachbar den Zaun versetzt
- 30habe und dass ihr Sohn sich darum nicht
- 31kümmern solle. Nasim schrieb mit.
- 32Am Schluss sagte sie: «Es geht mir gut, wie
- 33immer.» Nasim schrieb es hin. Dann las er
- 34ihr das Blatt vor, wie er jedem alles
- 35vorlas, bevor er es faltete.
- 36Halide hörte zu. Als er fertig war, sass sie
- 37eine Weile still. «So habe ich es nicht
- 38gemeint», sagte sie.
- 39Nasim tauchte die Feder wieder ein und
- 40fragte, wie er es ändern solle. Halide sah
- 41auf das Blatt, das sie nicht lesen konnte.
- 42«Lass es», sagte sie. «Er soll es lesen, wie
- 43du es geschrieben hast.» Nasim strich
- 44nichts. Er faltete das Blatt, und dass er es
- 45noch am selben Tag aufgab, verstand sich für
- 46ihn von selbst.
- 47Im Frühling kam an einem Freitag die
- 48Antwort. Halide brachte sie ungeöffnet und
- 49legte wieder eine Münze hin. Nasim las vor:
- 50Der Sohn schrieb von der Arbeit, von einem
- 51Dach, das er gedeckt hatte, und von einem
- 52Winter, der kürzer gewesen sei als der
- 53davor. Die Arbeit sei hart, aber er habe ein
- 54Bett für sich allein. Er habe auch einen
- 55Mann aus Kandu getroffen, der nach seiner
- 56Mutter gefragt habe; er habe geantwortet, es
- 57gehe ihr gut. Am Schluss stand: «Ich bin
- 58froh, dass es dir gut geht, wie immer.»
- 59Halide nickte. Sie liess einen Gruss
- 60bestellen, nahm die Antwort mit und ging.
- 61Sie kam nicht wieder.
- 62Von diesem Freitag an fragte Nasim jeden,
- 63der sich zu ihm setzte, dasselbe, bevor er
- 64die Feder eintauchte: «Soll ich schreiben,
- 65was du sagst, oder was du meinst?» Die
- 66meisten lachten und sagten, das sei doch
- 67dasselbe. Nasim schrieb dann, was sie
- 68sagten. Zweimal in jenem Jahr aber sagte
- 69einer: was ich meine. Beide Male legte Nasim
- 70die Feder hin und hörte erst eine Weile zu.
- 71Er hatte ja gefragt.