Der Keller auf der Bruntalp
Erzählung, für ZAPilot geschrieben
- 1Meret war im siebten Sommer Sennerin auf der
- 2Bruntalp. Sie molk, käste und trug die Laibe
- 3in den Keller, der in den Hang gebaut war
- 4und dessen Rückwand aus dem gewachsenen Fels
- 5bestand. Der Keller war so kalt, dass man
- 6den Atem sah, auch im August, und so
- 7gleichmässig kühl, wie ein Käsekeller sein
- 8muss. Im Herbst wurden die Laibe gezählt und
- 9mit den Talleuten geteilt; was verdarb, ging
- 10von ihrem eigenen Anteil ab.
- 11Im Juli fand sie den ersten Laib mit
- 12weicher, grauer Rinde. Sie trug ihn hinaus
- 13und dachte sich nichts dabei; das kommt vor.
- 14Im August waren es drei weitere, und der
- 15letzte gab unter dem Daumen nach wie ein
- 16nasser Schwamm. Sie schnitt ihn auf: innen
- 17war er grau bis zur Mitte.
- 18Vier verdorbene Laibe in einem Sommer hatte
- 19sie in sechs Sommern zuvor nicht gehabt.
- 20Warme Luft verdirbt Käse, und warme Luft
- 21kommt durch eine offene Tür. Der Weg über
- 22den Grat führt dicht am Keller vorbei; dort
- 23gehen im Sommer Wanderer, Jäger und die
- 24Kinder aus dem Tal, die Beeren holen, und
- 25keiner von ihnen hat am Keller etwas zu
- 26suchen.
- 27Meret sagte niemandem etwas. Sie spannte
- 28einen Faden quer über die Tür, so tief, dass
- 29ihn niemand sah, der nicht danach suchte,
- 30und legte einen flachen Stein an die Ecke,
- 31wo der Riegel einrastet.
- 32Drei Wochen lang sah sie jeden Tag nach. Der
- 33Faden hing so, wie er gespannt war. Der
- 34Stein lag, wie sie ihn gelegt hatte. Meret
- 35ging bald früher, bald später, einmal auch
- 36in der Nacht, damit niemand ihre Zeiten
- 37lernen konnte. In der zweiten Woche fiel
- 38Regen, drei Tage ohne Aufhören, und der Weg
- 39über den Grat blieb leer.
- 40In der vierten Woche kam sie an die
- 41hinterste Reihe, die am seltensten bewegt
- 42wird. Zwei Laibe hatten dieselbe weiche,
- 43graue Rinde. Ein dritter war noch ganz, roch
- 44aber, wenn man ihn nah ans Gesicht hielt,
- 45nach nasser Erde.
- 46Dahinter war die Felswand nass. Nicht
- 47feucht, wie sie im Sommer immer ist, sondern
- 48nass, mit einem dunklen Streifen bis zum
- 49Boden. Meret fuhr mit der Hand darüber und
- 50fand den Riss, einen Finger breit, in
- 51Kopfhöhe. Er lief schräg nach unten und war
- 52von aussen nicht zu sehen, weil dort
- 53Wacholder wächst.
- 54Im Herbst holte sie den Maurer aus dem Tal
- 55herauf. Er brauchte zwei Tage und schloss
- 56den Riss von aussen, wo das Wasser
- 57hineinlief. Der Riss sei alt, sagte er; man
- 58sehe es an den Rändern. Nur habe der Fels
- 59ihn bisher oben gehalten.
- 60Im folgenden Sommer verdarb kein einziger
- 61Laib. Meret stellte das Regal trotzdem eine
- 62Handbreit von der Wand ab und liess es dort.
- 63Ein junger Hirt, der im dritten Jahr auf der
- 64Nachbaralp war, fragte sie später, wie sie
- 65gewusst habe, wo sie suchen müsse. Meret sah
- 66ihn an. «Ich wusste es nicht», sagte sie.
- 67«Ich habe drei Wochen lang die falsche Tür
- 68bewacht.» Der Hirt lachte, weil er dachte,
- 69sie mache einen Witz. Meret lachte nicht
- 70mit, aber sie erklärte es auch nicht.