ZAPilot

ZAP 2 · Handelsmittelschule · Deutsch

Der Seiler von Anduk

Lies den Text und beantworte die Fragen dazu. Geprüft wird erst am Schluss, wie in der Prüfung — die Aussagen hängen voneinander ab, und wer jede einzeln auflösen liesse, bekäme die nächste geschenkt.

Der Seiler von Anduk

Erzählung, für ZAPilot geschrieben

  1. 1Tair war Seiler in Anduk, einem Dorf hoch
  2. 2über der Schlucht. Von ihm stammte das Seil,
  3. 3an dem die Fähre über den Abgrund lief; alle
  4. 4paar Jahre, wenn das alte nicht mehr trug,
  5. 5drehte er ein neues. Jeden Herbst aber
  6. 6prüfte der Älteste des Dorfes das Seil,
  7. 7indem er sich mit seinem ganzen Gewicht
  8. 8hineinhängte.
  9. 9Zu Beginn des Herbstes brach der Fels, in
  10. 10dem das Seil auf der Ostseite verankert war.
  11. 11Die Männer schlugen einen neuen Anker
  12. 12zwanzig Schritte höher in den Stein. Das war
  13. 13sicherer, aber es hiess auch, dass das neue
  14. 14Seil länger werden musste als jedes, das
  15. 15Tair je gedreht hatte.
  16. 16Die Seilerbahn lag am Rand des Dorfes: eine
  17. 17gerade, geebnete Strecke, auf der ein Seil
  18. 18beim Drehen der Länge nach ausgelegt wird.
  19. 19Sie war länger, als Anduk sie je gebraucht
  20. 20hatte, und in diesem Jahr zeigte sich, wozu.
  21. 21Tair zählte seinen Hanf und kam auf zwei
  22. 22Drittel dessen, was er brauchte. Also nahm
  23. 23er den Esel und ging drei Tage weit nach
  24. 24Sember, wo im Herbst der grosse Markt steht.
  25. 25Der Hanf, den die Händler dort auslegten,
  26. 26war schwer und glänzend und roch schwach
  27. 27nach Öl. Tair nahm eine Handvoll, zog sie
  28. 28durch die Faust und legte sie zurück.
  29. 29Ein Händler sah ihm zu und sagte, besseren
  30. 30Hanf finde er nirgends im Land; er komme aus
  31. 31dem Süden und sei dreimal gehechelt. Tair
  32. 32nickte und fragte nach dem Preis. Als er ihn
  33. 33hörte, nickte er noch einmal und ging
  34. 34weiter. «Zu teuer?», rief ihm der Händler
  35. 35nach. Tair antwortete nicht. Er kaufte
  36. 36nichts und ging die drei Tage wieder heim.
  37. 37Im Dorf sagte man, der Seiler sei umsonst
  38. 38gelaufen. Die Fähre stand nun schon acht
  39. 39Tage still, und wer hinüber wollte, nahm den
  40. 40Weg über die untere Furt; dieser Weg dauert
  41. 41einen halben Tag. Zwei Bauern kamen zu Tair
  42. 42und fragten, wann er endlich anfange. Er
  43. 43sagte, er habe angefangen.
  44. 44Am Morgen darauf holte er das alte Seil von
  45. 45der Fähre und legte es der Länge nach auf
  46. 46die Wiese. Dann setzte er sich davor und
  47. 47löste es auf, Strang für Strang, wie man
  48. 48einen Zopf öffnet. Was morsch war, warf er
  49. 49in einen Korb; was noch trug, legte er in
  50. 50einen zweiten. Der zweite Korb füllte sich
  51. 51langsamer als der erste, aber er füllte
  52. 52sich. Was Tair so gewann, war weniger als
  53. 53die Hälfte des alten Seils — aber mehr, als
  54. 54ihm gefehlt hatte.
  55. 55Vier Tage lang ging Tair die Seilerbahn auf
  56. 56und ab, rückwärts, das Rad in der Hand, und
  57. 57drehte die Litzen ineinander. Am dritten Tag
  58. 58half ihm einer der beiden Bauern, ohne dass
  59. 59jemand darum gebeten hätte. Sie sprachen
  60. 60wenig; das Rad machte Lärm genug.
  61. 61Aus dem alten Hanf und seinem eigenen Vorrat
  62. 62drehte Tair ein Seil, das länger war als das
  63. 63vorige und, wie sich zeigte, auch schwerer.
  64. 64Der Älteste hängte sich hinein, und es gab
  65. 65nicht nach.
  66. 66Ein Reisender, der zugesehen hatte, fragte
  67. 67ihn, warum er in Sember nichts gekauft habe;
  68. 68der Hanf sei doch prächtig gewesen. «Er war
  69. 69geölt», sagte Tair. «Geölter Hanf lässt sich
  70. 70leicht drehen, und er hält den ersten Winter
  71. 71und den zweiten. Über die Schlucht aber
  72. 72gehen Kinder.»

Aufgabe 1

Kreuze bei den folgenden Aussagen an, ob sie mit dem Inhalt der Geschichte übereinstimmen (✓) oder nicht (–). Setze das Kreuz beim Fragezeichen (?), wenn das nicht entschieden werden kann.

stimmt stimmt nicht? nicht entscheidbar

Aussage 1
1.

Der neue Anker sitzt höher im Fels als der alte.

Aussage 2
2.

Die Fähre stand still, weil der Fels mit der Verankerung gebrochen war.

Aussage 3
3.

Das Dorf lobte Tair für seine Reise nach Sember.

Aussage 4
4.

Tair hat das Seilerhandwerk von seinem Vater gelernt.

Aussage 5
5.

Wer die untere Furt nimmt, braucht dafür einen halben Tag.

Aussage 6
6.

Tair kaufte in Sember Hanf für das neue Seil.

Aussage 7
7.

Tair hielt geölten Hanf für ein Fährseil nicht haltbar genug.

Aussage 8
8.

Die Seilerbahn war zu kurz für das neue Seil.

Aussage 9
9.

Die Fähre nahm den Betrieb noch am Tag der Prüfung durch den Ältesten wieder auf.

Aussage 10
10.

Der Älteste prüfte auch das neue Seil mit seinem Gewicht.

Aussage 11
11.

Aus dem alten Seil gewann Tair mehr Hanf, als ihm gefehlt hatte.

Aussage 12
12.

Tair verwendete für das neue Seil nur frischen Hanf.

Aufgabe 2 — Was bedeutet das Wort an dieser Stelle?

1. «umsonst» (Zeile 37)
2. «trug» (Zeile 49)
3. «steht» (Zeile 24)

Aufgabe 3 — Worauf bezieht sich das Pronomen?

1. Worauf bezieht sich «er» in Zeile 51?
2. Worauf bezieht sich «es» in Zeile 45?

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Woher dieser Text kommt

Er ist von uns geschrieben, nicht aus einer Prüfung übernommen. Die echten Prüfungstexte sind urheberrechtlich geschützt — wir zeigen sie nicht und bearbeiten sie auch nicht. Nachgeahmt sind Textsorte, Länge und Schwierigkeitsgrad: eine Erzählung von rund vierzig Zeilen, gebaut nach dem, was sich an den elf Prüfungen der letzten Jahre messen lässt.

Der eigentliche Grund ist aber ein anderer: Bei einem Text, den wir geschrieben haben, wissen wir sicher, was nicht darin steht. Genau das braucht die Frage «Kann man das entscheiden?» — und bei einem fremden Text müsste man es auslegen.