Die Glocke von Verd
Erzählung, für ZAPilot geschrieben
- 1Die Glocke von Verd hing seit hundertvierzig
- 2Jahren im Turm über dem Dorfplatz. Sie wurde
- 3bei Feuer geläutet, bei Begräbnissen und
- 4jeden Mittag. Ihr Ton war tief und ging über
- 5den ganzen Talboden; die Leute in Ober-Verd
- 6stellten ihre Uhren danach. Wer im Tal
- 7aufgewachsen war, hörte am Takt, ob es
- 8Mittag war oder ein Begräbnis; geläutet
- 9wurde dasselbe, aber anders schnell.
- 10In der Nacht auf den elften November zog ein
- 11Sturm über das Tal, der drei Dächer abdeckte
- 12und im Wald oberhalb des Dorfes achtzig
- 13Bäume warf. Am Mittag darauf läutete Beat
- 14Sanner, der die Glocke seit zwanzig Jahren
- 15zog, wie immer. Beim vierten Schlag hörte er
- 16es.
- 17Der Ton war nicht mehr tief, sondern kurz
- 18und stumpf, als schlage man auf ein Brett.
- 19Sanner läutete den Mittag zu Ende, weil er
- 20nicht wusste, was er sonst hätte tun sollen,
- 21und alle zwölf Schläge klangen gleich.
- 22Sanner ging hinauf. Von der Krone bis zur
- 23halben Höhe des Mantels lief ein Riss, so
- 24fein, dass man ihn mit dem Fingernagel
- 25suchen musste. Er war nicht durchgehend zu
- 26sehen; an zwei Stellen verlor er sich im
- 27Grünspan. Ob der Grünspan über dem Riss lag
- 28oder der Riss durch ihn hindurchging, war
- 29nicht mehr zu erkennen.
- 30Sanner sagte, ein Ziegel sei in der
- 31Sturmnacht durch die Schallöffnung gefahren
- 32und habe die Glocke getroffen. Er habe am
- 33Morgen Scherben auf dem Turmboden gefunden
- 34und sie hinausgeworfen, bevor er wusste,
- 35dass es darauf ankam; wiederfinden liessen
- 36sie sich nicht. Die Schallöffnung ist gegen
- 37Nordwesten offen, und aus Nordwesten kam der
- 38Sturm. Zwei Häuser weiter fehlten am Morgen
- 39Ziegel.
- 40Der Schmied Ruf, der die Glocke im Frühjahr
- 41gereinigt hatte, sagte etwas anderes. Er
- 42habe damals eine Linie unter der Krone
- 43gesehen, dünn wie ein Haar, und sie für
- 44einen Kratzer gehalten. Eine Glocke, die
- 45hundertvierzig Jahre hängt, springe
- 46irgendwann; das sei nichts Besonderes und
- 47habe mit dem Sturm nichts zu tun. Auf die
- 48Frage, warum er im Frühjahr nichts gesagt
- 49habe, antwortete er, ein Kratzer sei ein
- 50Kratzer. Aus derselben Werkstatt waren im
- 51Tal zwei weitere Glocken gegossen worden;
- 52eine davon sprang nach hundertzwanzig
- 53Jahren, in einer Nacht ohne Wind.
- 54Die Gemeinde liess die Glocke abnehmen. Der
- 55Giesser aus der Stadt sah sich den Riss an
- 56und sagte, aus dem Verlauf allein lasse sich
- 57beides erklären. Er goss eine neue, die im
- 58folgenden Herbst aufgezogen wurde und
- 59dreissig Kilo schwerer ist. Sie kostete die
- 60Gemeinde mehr, als der Sturm an Dächern
- 61gekostet hatte.
- 62Die alte Glocke steht seither neben dem
- 63Friedhofstor, auf drei Balken, mit der Krone
- 64nach oben. Wer sie wegtragen wollte, hätte
- 65vier Männer gebraucht. Kinder schlagen im
- 66Vorbeigehen mit dem Handrücken dagegen. Sie
- 67gibt dann den kurzen, stumpfen Ton, und wer
- 68daneben steht, hört ihn noch drei Schritte
- 69weit.
- 70Sanner und Ruf sind beide gestorben, Sanner
- 71zuerst. Im Dorf erzählt man weiter beide
- 72Geschichten, und niemand hat sie je
- 73gegeneinander abgewogen. Wer die eine
- 74erzählt, sagt am Schluss: «Der Sturm.» Wer
- 75die andere erzählt, sagt: «Hundertvierzig
- 76Jahre.» Beide zeigen dabei auf dieselbe
- 77Glocke, und beide haben denselben Riss vor
- 78Augen.