ZAPilot

ZAP 3 · Fachmittelschule · Deutsch

Der Schreiber von Kandu

Lies den Text und beantworte die Fragen dazu. Geprüft wird erst am Schluss, wie in der Prüfung — die Aussagen hängen voneinander ab, und wer jede einzeln auflösen liesse, bekäme die nächste geschenkt.

Der Schreiber von Kandu

Erzählung, für ZAPilot geschrieben

  1. 1In Kandu sass Nasim am Rand des Marktes
  2. 2unter einem Vordach und schrieb Briefe für
  3. 3Leute, die es selbst nicht konnten. Sein
  4. 4Tisch war eine Tür auf zwei Fässern. Er nahm
  5. 5eine Münze für das Blatt und eine zweite,
  6. 6wenn der Brief weit ging. Dienstags und
  7. 7freitags war er da; an den übrigen Tagen
  8. 8half er beim Dreschen.
  9. 9Er schrieb, was man ihm sagte. Nicht ein
  10. 10Wort mehr, nicht ein Wort schöner; darauf
  11. 11hielt er, und im Markt wusste man es. Wer
  12. 12wollte, dass ein Brief schöner klinge, ging
  13. 13zu Feridun am anderen Ende der Reihe, der
  14. 14drei Münzen nahm und dafür Sätze mitbrachte,
  15. 15die niemand gesagt hatte. Zwischen den
  16. 16beiden gab es keinen Streit. Feridun sagte,
  17. 17ein Brief sei ein Kleid; Nasim sagte, ein
  18. 18Brief sei ein Krug. Beide hatten Kundschaft.
  19. 19Einmal setzte sich ein junger Mann zu Nasim,
  20. 20diktierte drei Sätze an ein Mädchen im
  21. 21Nachbardorf, hörte sie sich vorlesen und
  22. 22stand wieder auf. Er ging zu Feridun
  23. 23hinüber. Nasim behielt die Münze nicht.
  24. 24Halide kam an einem Freitag, im ersten Jahr,
  25. 25in dem ihr Sohn fort war. Sie setzte sich
  26. 26auf den Schemel, legte die Münze hin und
  27. 27sagte, was zu schreiben sei: dass die Ziege
  28. 28gelammt habe, dass das Dach über der Kammer
  29. 29halte, dass der Nachbar den Zaun versetzt
  30. 30habe und dass ihr Sohn sich darum nicht
  31. 31kümmern solle. Nasim schrieb mit.
  32. 32Am Schluss sagte sie: «Es geht mir gut, wie
  33. 33immer.» Nasim schrieb es hin. Dann las er
  34. 34ihr das Blatt vor, wie er jedem alles
  35. 35vorlas, bevor er es faltete.
  36. 36Halide hörte zu. Als er fertig war, sass sie
  37. 37eine Weile still. «So habe ich es nicht
  38. 38gemeint», sagte sie.
  39. 39Nasim tauchte die Feder wieder ein und
  40. 40fragte, wie er es ändern solle. Halide sah
  41. 41auf das Blatt, das sie nicht lesen konnte.
  42. 42«Lass es», sagte sie. «Er soll es lesen, wie
  43. 43du es geschrieben hast.» Nasim strich
  44. 44nichts. Er faltete das Blatt, und dass er es
  45. 45noch am selben Tag aufgab, verstand sich für
  46. 46ihn von selbst.
  47. 47Im Frühling kam an einem Freitag die
  48. 48Antwort. Halide brachte sie ungeöffnet und
  49. 49legte wieder eine Münze hin. Nasim las vor:
  50. 50Der Sohn schrieb von der Arbeit, von einem
  51. 51Dach, das er gedeckt hatte, und von einem
  52. 52Winter, der kürzer gewesen sei als der
  53. 53davor. Die Arbeit sei hart, aber er habe ein
  54. 54Bett für sich allein. Er habe auch einen
  55. 55Mann aus Kandu getroffen, der nach seiner
  56. 56Mutter gefragt habe; er habe geantwortet, es
  57. 57gehe ihr gut. Am Schluss stand: «Ich bin
  58. 58froh, dass es dir gut geht, wie immer.»
  59. 59Halide nickte. Sie liess einen Gruss
  60. 60bestellen, nahm die Antwort mit und ging.
  61. 61Sie kam nicht wieder.
  62. 62Von diesem Freitag an fragte Nasim jeden,
  63. 63der sich zu ihm setzte, dasselbe, bevor er
  64. 64die Feder eintauchte: «Soll ich schreiben,
  65. 65was du sagst, oder was du meinst?» Die
  66. 66meisten lachten und sagten, das sei doch
  67. 67dasselbe. Nasim schrieb dann, was sie
  68. 68sagten. Zweimal in jenem Jahr aber sagte
  69. 69einer: was ich meine. Beide Male legte Nasim
  70. 70die Feder hin und hörte erst eine Weile zu.
  71. 71Er hatte ja gefragt.

Aufgabe 1

Kreuze bei den folgenden Aussagen an, ob sie mit dem Inhalt der Geschichte übereinstimmen (✓) oder nicht (–). Setze das Kreuz beim Fragezeichen (?), wenn das nicht entschieden werden kann.

stimmt stimmt nicht? nicht entscheidbar

Aussage 1
1.

Halide konnte den Brief nicht selbst lesen.

Aussage 2
2.

Halide war mit dem letzten Satz des Briefes, den sie diktiert hatte, nicht zufrieden.

Aussage 3
3.

Nasim schrieb an allen Tagen der Woche Briefe.

Aussage 4
4.

Halides Sohn arbeitete in einer Stadt.

Aussage 5
5.

Der Sohn griff am Schluss die Worte seiner Mutter auf.

Aussage 6
6.

Nasim schrieb mehr, als Halide ihm gesagt hatte.

Aussage 7
7.

Nasim las jedem vor, was er für ihn geschrieben hatte.

Aussage 8
8.

Halide hatte ausser diesem Sohn noch andere Kinder.

Aussage 9
9.

Nasim behielt das Geld des jungen Mannes.

Aussage 10
10.

Halide sagte Nasim, wie sie den Satz gemeint hatte.

Aussage 11
11.

Die meisten hielten Nasims neue Frage für überflüssig.

Aussage 12
12.

Feridun verlangte für einen Brief weniger als Nasim.

Aufgabe 2 — Was bedeutet das Wort an dieser Stelle?

1. «aufgab» (Zeile 45)
2. «strich» (Zeile 43)
3. «bestellen» (Zeile 60)

Aufgabe 3 — Worauf bezieht sich das Pronomen?

1. Worauf bezieht sich «ihr» in Zeile 57?
2. Worauf bezieht sich «sie» in Zeile 48?

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Woher dieser Text kommt

Er ist von uns geschrieben, nicht aus einer Prüfung übernommen. Die echten Prüfungstexte sind urheberrechtlich geschützt — wir zeigen sie nicht und bearbeiten sie auch nicht. Nachgeahmt sind Textsorte, Länge und Schwierigkeitsgrad: eine Erzählung von rund vierzig Zeilen, gebaut nach dem, was sich an den elf Prüfungen der letzten Jahre messen lässt.

Der eigentliche Grund ist aber ein anderer: Bei einem Text, den wir geschrieben haben, wissen wir sicher, was nicht darin steht. Genau das braucht die Frage «Kann man das entscheiden?» — und bei einem fremden Text müsste man es auslegen.