Der Seiler von Anduk
Erzählung, für ZAPilot geschrieben
- 1Tair war Seiler in Anduk, einem Dorf hoch
- 2über der Schlucht. Von ihm stammte das Seil,
- 3an dem die Fähre über den Abgrund lief; alle
- 4paar Jahre, wenn das alte nicht mehr trug,
- 5drehte er ein neues. Jeden Herbst aber
- 6prüfte der Älteste des Dorfes das Seil,
- 7indem er sich mit seinem ganzen Gewicht
- 8hineinhängte.
- 9Zu Beginn des Herbstes brach der Fels, in
- 10dem das Seil auf der Ostseite verankert war.
- 11Die Männer schlugen einen neuen Anker
- 12zwanzig Schritte höher in den Stein. Das war
- 13sicherer, aber es hiess auch, dass das neue
- 14Seil länger werden musste als jedes, das
- 15Tair je gedreht hatte.
- 16Die Seilerbahn lag am Rand des Dorfes: eine
- 17gerade, geebnete Strecke, auf der ein Seil
- 18beim Drehen der Länge nach ausgelegt wird.
- 19Sie war länger, als Anduk sie je gebraucht
- 20hatte, und in diesem Jahr zeigte sich, wozu.
- 21Tair zählte seinen Hanf und kam auf zwei
- 22Drittel dessen, was er brauchte. Also nahm
- 23er den Esel und ging drei Tage weit nach
- 24Sember, wo im Herbst der grosse Markt steht.
- 25Der Hanf, den die Händler dort auslegten,
- 26war schwer und glänzend und roch schwach
- 27nach Öl. Tair nahm eine Handvoll, zog sie
- 28durch die Faust und legte sie zurück.
- 29Ein Händler sah ihm zu und sagte, besseren
- 30Hanf finde er nirgends im Land; er komme aus
- 31dem Süden und sei dreimal gehechelt. Tair
- 32nickte und fragte nach dem Preis. Als er ihn
- 33hörte, nickte er noch einmal und ging
- 34weiter. «Zu teuer?», rief ihm der Händler
- 35nach. Tair antwortete nicht. Er kaufte
- 36nichts und ging die drei Tage wieder heim.
- 37Im Dorf sagte man, der Seiler sei umsonst
- 38gelaufen. Die Fähre stand nun schon acht
- 39Tage still, und wer hinüber wollte, nahm den
- 40Weg über die untere Furt; dieser Weg dauert
- 41einen halben Tag. Zwei Bauern kamen zu Tair
- 42und fragten, wann er endlich anfange. Er
- 43sagte, er habe angefangen.
- 44Am Morgen darauf holte er das alte Seil von
- 45der Fähre und legte es der Länge nach auf
- 46die Wiese. Dann setzte er sich davor und
- 47löste es auf, Strang für Strang, wie man
- 48einen Zopf öffnet. Was morsch war, warf er
- 49in einen Korb; was noch trug, legte er in
- 50einen zweiten. Der zweite Korb füllte sich
- 51langsamer als der erste, aber er füllte
- 52sich. Was Tair so gewann, war weniger als
- 53die Hälfte des alten Seils — aber mehr, als
- 54ihm gefehlt hatte.
- 55Vier Tage lang ging Tair die Seilerbahn auf
- 56und ab, rückwärts, das Rad in der Hand, und
- 57drehte die Litzen ineinander. Am dritten Tag
- 58half ihm einer der beiden Bauern, ohne dass
- 59jemand darum gebeten hätte. Sie sprachen
- 60wenig; das Rad machte Lärm genug.
- 61Aus dem alten Hanf und seinem eigenen Vorrat
- 62drehte Tair ein Seil, das länger war als das
- 63vorige und, wie sich zeigte, auch schwerer.
- 64Der Älteste hängte sich hinein, und es gab
- 65nicht nach.
- 66Ein Reisender, der zugesehen hatte, fragte
- 67ihn, warum er in Sember nichts gekauft habe;
- 68der Hanf sei doch prächtig gewesen. «Er war
- 69geölt», sagte Tair. «Geölter Hanf lässt sich
- 70leicht drehen, und er hält den ersten Winter
- 71und den zweiten. Über die Schlucht aber
- 72gehen Kinder.»